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Wozu die Bibel lesen?

Mit 2,5 Milliarden Exemplaren steht kein Buch bei so vielen Menschen auf der Erde zu Hause im Schrank wie die Bibel. Jedes Brautpaar bekommt in der hessen-nassauischen Landeskirche während der Trauzeremonie von der Gemeinde eine Bibel geschenkt. Dennoch braucht so mancher einen kleinen Anstoß, um das Werk in die Hand zu nehmen und die Schätze zwischen den Buchdeckeln zu entdecken.

Dann kann die Leserin oder der Leser erfahren, dass die Lebensfragen der uralten Zeugen auch die eigenen sind. Wer sich in den Zweifeln und Sehnsüchten der Verfasser wiedererkennt, für den können diese Texte wunderbare Hoffnungsgeschichten werden. Denn allesamt bezeugen sie, dass Gott seine Menschen und seine Welt nicht fallen lassen will, im Leben und im Sterben. Die Bibel kann somit sensibilisieren, Gottes Spuren im eigenen Leben zu entdecken.
Als Bibelleser können Sie erforschen, welche tieferen Wahrheiten für Ihr heutiges Leben in den Texten stecken. Denn die Menschen damals machten sich vergleichbare Gedanken über ihr Leben. Davids Königreich zum Beispiel: Es ist die Vision, auch als Einzelner inmitten der Mächte des Globus nicht zerrieben zu werden.

Zur Entstehung der Bibel

Vor 2.600 Jahre zerstörten die Heere des babylonischen Herrschers Nebukadnezar Jerusalem und das Zentrum des jüdischen Glaubens, den Tempel. Die Juden wurden in die Fremde verschleppt und 587 vor Christus hörte der letzte jüdische Teilstaat auf zu existieren. Aber die Entstehung der Bibel begann.
Sie ist nicht vom Himmel gefallen und auch keinem geheimnisumwitterten Autor in die Feder diktiert worden. Die Bibel hat ihren Anfang im namenlosen Elend. Ein Volk wird entwurzelt, die Heimat liegt in Trümmern. Wo ist nun Gott, der sie einst aus Ägypten geführt und versprochen hatte, bei ihnen zu wohnen?

Geschichten über Gott in der Fremde erzählen

Jüdische Gelehrte beginnen, die Überlieferungen ihres Glaubens zusammenzutragen: uralte Erzählungen der Väter, von Abraham, Isaak, Jakob und Mose, Geschichten der Könige Israels, Lieder, Psalmen, Gebete, auch alte Rechtsvorschriften, Mord und Totschlag, manchmal auch handfeste Erotik. Alles gehört zum Leben, zum Glauben. Sie begreifen: Gott ist nicht im zerstörten Tempel in Jerusalem geblieben. Er ist bei ihnen, mitten im Leben.
Die deportierten Juden dürfen eines Tages in ihr besetztes Land zurückkehren. Andere gehen nach Ägypten oder Kleinasien und gründen dort jüdische Gemeinden. Viele alttestamentlichen Bücher entstanden in verschiedenen Gegenden und zu unterschiedlichen Zeiten

Während der Jahrhunderte vor der Zeit in der babylonischen Verbannung gaben die Frauen und Männer ihre Erfahrungen mit Gott und der Welt mündlich weiter. Später wurden einzelne Erzählungen, Gesetzestexte und Gebete schriftlich festgehalten, ohne jedoch in einem Werk gesammelt zu erscheinen. Bereits im 8. Jahrhundert vor Christus schrieben Verfasser die Worte der Propheten bereits auf. Erst im babylonischen Exil fasste man die alten und die neu verfassten Texte zur „heiligen Schrift“ in hebräischer Sprache zusammen.

Die Entstehungsgeschichte verdeutlicht, was die Bibel ist: Eine Sammlung von Einzelschriften oder Büchern. Sie ist vergleichbar mit einer kleinen Bibliothek, die aus insgesamt 76 Bänden besteht. 39 sind im Alten Testament zusammengefasst, 27 im Neuen.

Ein Rohrstock als Maß-Stab

Wer legt fest, was auf Dauer zu den heiligen Schriften des Glaubens gehört und was nicht? Im Laufe der Zeit entsteht so etwas wie ein Kanon. Das ist ein altes hebräisches Wort für ein gerades Rohr, einen Mess-Stab beim Handel auf dem Markt: das Maß, das gilt. Ein solches Maß bildet auch die Sammlung der uralten Glaubensüberlieferungen. Am Kanon entscheidet sich, was als Heilige Schrift gilt. Im Glauben soll nicht das Gefühl entscheiden, sondern die Erfahrung von Generationen. Viele Teile des jüdischen Kanons stehen bald fest: die fünf Bücher Mose, die Richter- und Königsgeschichten, die Psalmen. Über andere wird weiter jahrhundertelang gestritten. Als Jesus geboren wird, gibt es noch immer keine Einigkeit unter den Theologen.

Das Neue Testament

Auch bei der Entstehung des Neuen Testamentes gab eine Katastrophe den Anlass, die mündlichen Erzählungen aufzuschreiben. Im Jahre 70 marschierten die Römer gewaltsam in Jerusalem ein und zerstörten den Tempel. Spätestens jetzt wurden Erzählungen über den jüdischen Handwerkersohn Jesus in griechischer Sprache aufgeschrieben, damit sie nicht verloren gingen. Das erste Evangelium entsteht; es ist das Markusevangelium. Es kursierten daneben auch Aufzeichnungen über die Reden Jesu, etwa die Bergpredigt. Man hat sie die Quelle "Q" genannt. Ein Original ist nicht erhalten und die Fachleute haben heute auch Zweifel, ob es nicht mehrere Quellen dieser Art gegeben hat. Aber viele "Q"-Spuren finden sich in dem später verfassten Lukas- und Matthäus-Evangelium.
Keiner der Evangelisten war also ein Augenzeuge der Worte und Taten Jesu, sie haben sich an mündlichen Überlieferungen und schriftlichen Quellen orientiert.
Als älteste Schriften gelten allerdings die Briefe des Apostel Paulus. Die moderne Forschung geht davon aus, dass sie etwa zwischen 50 bis 67 nach Christi Geburt entstanden sind.

In den drei Jahrzehnten nach dem Jahr 70 tauchen dann an verschiedenen Orten des vorderen Orients weitere Evangelien auf, die keine Tatsachenberichte sind, sondern aus einer bestimmten Perspektive heraus formulierte Deutungen des Lebens Jesu. Leider verliert sich die Spur der Weiterentwicklung des Neuen Testamentes nun zusehends. Sicher ist nur, dass
wohl viel mehr Schriften kursierten, als wir heute kennen.

Zunehmende Unsicherheiten was gehört nun dazu und was nicht – veranlassten im Jahre 367 einen der einflussreichsten Männer seiner Zeit zum Handeln. Athanasius, Metropolit von Alexandrien, legte das Neue Testament in seinem heutigen Umfang fest. Dem schlossen sich nach und nach auch der Papst in Rom sowie fast alle Kirchen der Welt an.

"Bund" oder "Testament"?

Die jüdische Glaubenstradition wusste vom uralten Bund Gottes mit seinem Volk, geschlossen in grauer Vorzeit am Sinai. Der Glaube der ersten Christen war, dass durch Tod und Auferstehung Jesu ein neuer Bund geschlossen sei. Deshalb nannten sie ihren Glauben den Neuen Bund. Erst allmählich setzten sich die Begriffe Altes und Neues Testament durch: Bezeichnungen für die Vermächtnisse des Glaubens, auch als deutliches Signal: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Das Wasser der Quellen

Man hat den Christen vorgeworfen, sie missbrauchten die Bibel der Juden für ihre eigenen Zwecke. Diese Kritik übersieht den breiten Strom des Glaubens, der das Alte mit dem Neuen Testament verbindet: Ein einziger, allmächtiger Gott hält die Welt und was auf ihr lebt, in seiner Hand. Der Grund unseres Lebens ist seine unbegreifliche Liebe zu den Menschen und am Ende wird nicht der Tod, sondern diese Liebe das letzte Wort haben.
Der Strom des christlichen Glaubens in unserer Zeit mag breit sein, unübersichtlich, und manchmal sieht man den Grund nicht. Aber er führt das Wasser der Quellen weiter.

Die Bibel - Gottes Wort ?

Was unterscheidet die Bibel von anderen Büchern? Sie ist ein heiliges Buch, sie ist „Gottes Wort“.

Erfahrungen mit Gott

Der Verfasser des ersten Samuelbuches berichtet, wie David bereits vor dem Kampf gegen Goliat fühlte, dass Gott ihn dabei unterstützen wird. Der nur mit einer Steinschleuder ausgerüstete David besiegt tatsächlich den erfahrenen und besser ausgerüsteten Krieger.
An dieser Begebenheit wird deutlich, was Christen unter „Gottes Wort“ verstehen: Menschen hielten in Geschichten ihre Erfahrung fest, wenn sie spürten, dass Gott ihr Leben berührt. Die alten biblischen Berichte sind Zeugen für etwas, das sich menschlichem Begreifen entzieht: den Glauben an einen lebendigen Gott, der mit den Menschen und dieser Welt durch ihre Geschichte geht.

In der Begegnung mit dem Leser

Die biblischen Geschichten entfalten erst dann ihre Wirkung als „Wort Gottes“, wenn sie der Leserin oder dem Leser begegnen. Allerdings kann es vorkommen, dass nicht jede Erzählung uns berührt. Es ist aber möglich, dass in einem unerwarteten Moment für den Bibelleser ein bestimmter Vers als Antwort auf seine persönliche Lebensfrage aufleuchtet. Diese Erfahrung machte beispielsweise Martin Luther. Den Mönch trieb die Frage umher, wie er trotz seiner Schwächen und Verfehlungen vor der Strafe Gottes bewahrt werden kann. Im Brief des Paulus an die Römer findet er, wonach er sucht: „Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt.“ Er erkennt: Durch eigene Leistung und Anstrengung erhält der Mensch nicht die Gnade Gottes, sondern sie ist ein Geschenk. Allein durch den Glauben ist der Mensch bereit, sie zu empfangen.
Diese Bibelstelle war die Initialzündung für Luthers >> Rechtfertigunslehre, mit der er schließlich die Reformation ins Rollen brachte.

Dichtung oder Wahrheit?

Kritische Stimmen geben zu bedenken, dass die biblischen Geschichten eine Erfindung mehr oder weniger frommer Leute seien, die dafür die historische Wahrheit kräftig verbogen haben.
Die Bibel ist tatsächlich kein historischer Tatsachenbericht. Sie wurde von Menschen aufgeschrieben, die von ihrem Glauben, von Sehnsüchten und Ängsten, von Erinnerungen und Hoffnung berichten. Viele der Texte widersprechen einander, so wie sich Menschen widersprechen, die ihre Lebensgeschichten erzählen. Andere Texte sind später mit einer bestimmten Absicht gekürzt, umgeschrieben oder zusammengefasst worden. Auch gehen christliche Theologen davon aus, dass die biblischen Texte nicht wortwörtlich den Verfassern von Gott diktiert wurden (Verbalinspiration).

Einzelne Bibelstellen nicht verallgemeinern

Wie können die biblischen Geschichten dann ein Maßstab für unser Leben sein? Auch Martin Luther fühlte sich erdrückt von der Fülle der - teilweise gegensätzlichen - Aussagen der Bibel und macht das, was zu Christus hinführt, zur Richtschnur aller Auslegung. Einfacher ausgedrückt: Die einzelne Bibelstelle sollte auf das biblische Gesamtzeugnis, den rote Faden, der die Bibel inhaltlich durchzieht, hin überprüft werden.

„Gottes Wort“ bedeutet also nicht, dass die Inhalte der Bibel die absolute Wahrheit beanspruchen. In dem einleitenden Text „Gottes Wort im Menschenwort“ zur Lutherbibel steht hingegen, wie es zu deuten ist: Die Geschichte der Bibel wurde aufgeschrieben, „weil Menschen in ihr das Wirken Gottes erkannten und weil die Erzählung davon anderen die Augen für Gottes Wirken auch in ihrem Leben öffnen kann.“

[Dr. Joachim Schmidt, Volker Rahn, RD]

[Alle Bilder copyright EKHN]


Die Termine und Orte der Treffen des Bibelgesprächskreises können sie im Pfarrbüro (siehe unter Kontakt) erfragen.