![]() Wozu die Bibel lesen? Mit 2,5 Milliarden Exemplaren steht kein Buch bei so vielen Menschen auf der Erde zu Hause im Schrank wie die Bibel. Jedes Brautpaar bekommt in der hessen-nassauischen Landeskirche während der Trauzeremonie von der Gemeinde eine Bibel geschenkt. Dennoch braucht so mancher einen kleinen Anstoß, um das Werk in die Hand zu nehmen und die Schätze zwischen den Buchdeckeln zu entdecken. Dann kann die Leserin oder der Leser erfahren, dass die Lebensfragen der
uralten Zeugen auch die eigenen sind. Wer sich in den Zweifeln und Sehnsüchten
der Verfasser wiedererkennt, für den können diese Texte wunderbare
Hoffnungsgeschichten werden. Denn allesamt bezeugen sie, dass Gott seine
Menschen und seine Welt nicht fallen lassen will, im Leben und im Sterben. Die
Bibel kann somit sensibilisieren, Gottes Spuren im eigenen Leben zu
entdecken. Zur Entstehung der Bibel
Geschichten über Gott in der Fremde erzählen Jüdische Gelehrte beginnen, die Überlieferungen ihres Glaubens
zusammenzutragen: uralte Erzählungen der Väter, von Abraham, Isaak, Jakob und
Mose, Geschichten der Könige Israels, Lieder, Psalmen, Gebete, auch alte
Rechtsvorschriften, Mord und Totschlag, manchmal auch handfeste Erotik. Alles
gehört zum Leben, zum Glauben. Sie begreifen: Gott ist nicht im zerstörten
Tempel in Jerusalem geblieben. Er ist bei ihnen, mitten im Leben. Während der Jahrhunderte vor der Zeit in der babylonischen Verbannung gaben die Frauen und Männer ihre Erfahrungen mit Gott und der Welt mündlich weiter. Später wurden einzelne Erzählungen, Gesetzestexte und Gebete schriftlich festgehalten, ohne jedoch in einem Werk gesammelt zu erscheinen. Bereits im 8. Jahrhundert vor Christus schrieben Verfasser die Worte der Propheten bereits auf. Erst im babylonischen Exil fasste man die alten und die neu verfassten Texte zur „heiligen Schrift“ in hebräischer Sprache zusammen. Die Entstehungsgeschichte verdeutlicht, was die Bibel ist: Eine Sammlung von Einzelschriften oder Büchern. Sie ist vergleichbar mit einer kleinen Bibliothek, die aus insgesamt 76 Bänden besteht. 39 sind im Alten Testament zusammengefasst, 27 im Neuen. Ein Rohrstock als Maß-Stab Wer legt fest, was auf Dauer zu den heiligen Schriften des Glaubens gehört und was nicht? Im Laufe der Zeit entsteht so etwas wie ein Kanon. Das ist ein altes hebräisches Wort für ein gerades Rohr, einen Mess-Stab beim Handel auf dem Markt: das Maß, das gilt. Ein solches Maß bildet auch die Sammlung der uralten Glaubensüberlieferungen. Am Kanon entscheidet sich, was als Heilige Schrift gilt. Im Glauben soll nicht das Gefühl entscheiden, sondern die Erfahrung von Generationen. Viele Teile des jüdischen Kanons stehen bald fest: die fünf Bücher Mose, die Richter- und Königsgeschichten, die Psalmen. Über andere wird weiter jahrhundertelang gestritten. Als Jesus geboren wird, gibt es noch immer keine Einigkeit unter den Theologen. Das Neue Testament Auch bei der Entstehung des Neuen Testamentes gab eine Katastrophe den
Anlass, die mündlichen Erzählungen aufzuschreiben. Im Jahre 70 marschierten die
Römer gewaltsam in Jerusalem ein und zerstörten den Tempel. Spätestens jetzt
wurden Erzählungen über den jüdischen Handwerkersohn Jesus in griechischer
Sprache aufgeschrieben, damit sie nicht verloren gingen. Das erste Evangelium
entsteht; es ist das Markusevangelium. Es kursierten daneben auch Aufzeichnungen
über die Reden Jesu, etwa die Bergpredigt. Man hat sie die Quelle "Q" genannt.
Ein Original ist nicht erhalten und die Fachleute haben heute auch Zweifel, ob
es nicht mehrere Quellen dieser Art gegeben hat. Aber viele "Q"-Spuren finden
sich in dem später verfassten Lukas- und Matthäus-Evangelium. In den drei Jahrzehnten nach dem Jahr 70 tauchen dann an verschiedenen Orten
des vorderen Orients weitere Evangelien auf, die keine Tatsachenberichte sind,
sondern aus einer bestimmten Perspektive heraus formulierte Deutungen des Lebens
Jesu. Leider verliert sich die Spur der Weiterentwicklung des Neuen Testamentes
nun zusehends. Sicher ist nur, dass Zunehmende Unsicherheiten was gehört nun dazu und was nicht – veranlassten im Jahre 367 einen der einflussreichsten Männer seiner Zeit zum Handeln. Athanasius, Metropolit von Alexandrien, legte das Neue Testament in seinem heutigen Umfang fest. Dem schlossen sich nach und nach auch der Papst in Rom sowie fast alle Kirchen der Welt an. "Bund" oder "Testament"? Die jüdische Glaubenstradition wusste vom uralten Bund Gottes mit seinem Volk, geschlossen in grauer Vorzeit am Sinai. Der Glaube der ersten Christen war, dass durch Tod und Auferstehung Jesu ein neuer Bund geschlossen sei. Deshalb nannten sie ihren Glauben den Neuen Bund. Erst allmählich setzten sich die Begriffe Altes und Neues Testament durch: Bezeichnungen für die Vermächtnisse des Glaubens, auch als deutliches Signal: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Das Wasser der Quellen Man hat den Christen vorgeworfen, sie missbrauchten die Bibel der Juden für
ihre eigenen Zwecke. Diese Kritik übersieht den breiten Strom des Glaubens, der
das Alte mit dem Neuen Testament verbindet: Ein einziger, allmächtiger Gott hält
die Welt und was auf ihr lebt, in seiner Hand. Der Grund unseres Lebens ist
seine unbegreifliche Liebe zu den Menschen und am Ende wird nicht der Tod,
sondern diese Liebe das letzte Wort haben. Die Bibel - Gottes Wort ?
Was unterscheidet die Bibel von anderen Büchern? Sie ist ein heiliges Buch, sie ist „Gottes Wort“. Erfahrungen mit Gott Der Verfasser des ersten Samuelbuches berichtet, wie David bereits vor dem
Kampf gegen Goliat fühlte, dass Gott ihn dabei unterstützen wird. Der nur mit
einer Steinschleuder ausgerüstete David besiegt tatsächlich den erfahrenen und
besser ausgerüsteten Krieger. In der Begegnung mit dem Leser Die biblischen Geschichten entfalten erst dann ihre Wirkung als „Wort
Gottes“, wenn sie der Leserin oder dem Leser begegnen. Allerdings kann es
vorkommen, dass nicht jede Erzählung uns berührt. Es ist aber möglich, dass in
einem unerwarteten Moment für den Bibelleser ein bestimmter Vers als Antwort auf
seine persönliche Lebensfrage aufleuchtet. Diese Erfahrung machte beispielsweise
Martin Luther. Den Mönch trieb die Frage umher, wie er trotz seiner Schwächen
und Verfehlungen vor der Strafe Gottes bewahrt werden kann. Im Brief des Paulus
an die Römer findet er, wonach er sucht: „Denn im Evangelium wird offenbart die
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt.“ Er erkennt:
Durch eigene Leistung und Anstrengung erhält der Mensch nicht die Gnade Gottes,
sondern sie ist ein Geschenk. Allein durch den Glauben ist der Mensch bereit,
sie zu empfangen. Dichtung oder Wahrheit? Kritische Stimmen geben zu bedenken, dass die biblischen Geschichten eine
Erfindung mehr oder weniger frommer Leute seien, die dafür die historische
Wahrheit kräftig verbogen haben. Einzelne Bibelstellen nicht verallgemeinern Wie können die biblischen Geschichten dann ein Maßstab für unser Leben sein? Auch Martin Luther fühlte sich erdrückt von der Fülle der - teilweise gegensätzlichen - Aussagen der Bibel und macht das, was zu Christus hinführt, zur Richtschnur aller Auslegung. Einfacher ausgedrückt: Die einzelne Bibelstelle sollte auf das biblische Gesamtzeugnis, den rote Faden, der die Bibel inhaltlich durchzieht, hin überprüft werden. „Gottes Wort“ bedeutet also nicht, dass die Inhalte der Bibel die absolute
Wahrheit beanspruchen. In dem einleitenden Text „Gottes Wort im Menschenwort“
zur Lutherbibel steht hingegen, wie es zu deuten ist: Die Geschichte der Bibel
wurde aufgeschrieben, „weil Menschen in ihr das Wirken Gottes erkannten und weil
die Erzählung davon anderen die Augen für Gottes Wirken auch in ihrem Leben
öffnen kann.“ [Dr. Joachim Schmidt, Volker Rahn, RD] [Alle Bilder copyright EKHN]Die Termine und Orte der Treffen des Bibelgesprächskreises können sie im Pfarrbüro (siehe unter Kontakt) erfragen. |